El Hatillo wird verschwinden. In der kleinbäuerlich geprägten Gemeinde in der Region Cesar im Nordosten Kolumbiens leben etwa 200 Familien inmitten eines Reichtums, von dem sie wenig profitieren. Die Gemeinde ist umgeben von Steinkohleminen und ihre Bewohner*innen müssen dabei zusehen, wie multinationale Firmen den Rohstoff abbauen - ohne das ihren grundlegenden Rechten wie Gesundheit, Arbeit und Bildung ausreichend nachgekommen wird. Im Jahr 2010 hat das kolumbianische Umweltministerium verfügt, dass drei Bergbaufirmen die Gemeinde umsiedeln müssen - aufgrund der starken Luftverschmutzung, die der Bergbau mit sich bringt. Nach wie vor warten die Bewohner*innen auf die Umsetzung dieser Resolution und damit auf ihre Umsiedlung. Aber sicher ist: El Hatillo wird verschwinden.

Die Region Cesar im Nordosten Kolumbiens ist weltweit für ihre großen Steinkohlevorkommen bekannt. In den vergangenen 30 Jahren haben ihre Bewohner*innen erlebt, wie der Steinkohleabbau zur wichtigsten wirtschaftlichen Aktivität wurde: Er hat die Region, die zuvor vor allem von Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang geprägt war, enorm verändert. Mit dem Bergbau gingen starke soziale und kulturelle Veränderungen einher, außerdem hat er gravierende Folgen für Umwelt und Gesundheit.

Kolumbien gehört weltweit zu den zehn wichtigsten Exportländern von Steinkohle. Seit vielen Jahren sieht die Regierung im Bergbau eine der wichtigsten Säulen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Zwischen 1985 und 2017 hat sich die Menge der abgebauten Kohle nahezu verzehnfacht und lag 2017 bei 89.439 Millionen Tonnen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, die der Bergbau hervorruft: Vertreibung, Gewalt, Korruption, Armut, soziale Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung. Etwa 90 Prozent der in Kolumbien gewonnenen Steinkohle wird exportiert vor allem auch in europäische Länder. Kohle ist ein Rohstoff, der erhebliche Kohlendioxid-Emissionen hervorruft und damit wesentlich zum Klimawandel beiträgt. Eines der wichtigsten Ziele im Abkommen der Weltklimakonferenz von Paris 2015 war, den Netto-Ausstoß der Treibhausgase bis zum Jahr 2050 auf Null zu bringen. Für viele Wissenschaftler ist das nur zu erreichen, wenn komplett darauf verzichtet wird, Kohle zu verbrennen.

Memorias de Tierra” ist ein Transmedia-Projekt, das die Organisation Fundación Chasquis  zusammen mit der Gemeinde El Hatillo erarbeitet. Fossile Brennstoffe entstehen in der Tiefe unseres Planeten in einem langen Prozess, im Fall der Steinkohle im Laufe von Millionen von Jahren - auf der Grundlage von natürlichen Prozessen und ohne das Einwirken des Menschen: Steinkohle gehört zur Erinnerung der Erde.

Was passiert, wenn man diese profunde Erinnerung entfernt? Welche Auswirkungen hat es auf die Natur, auf Flüsse, Tiere, Pflanzen und auf die Menschen, die nahe der Steinkohletagebaue leben? Wie nehmen die Menschen die Veränderungen in ihrer Umgebung wahr? “Erinnerung der Erde” möchte diese Themen reflektieren und die Gegensätze und Widersprüche aufzeigen, die der Steinkohleabbau hervorruft. Dazu bedient sich das Projekt moderner Technologie, neuer Erzählweisen und verschiedener pädagogischer Methoden. Fundación Chasquis erarbeitet die Inhalte gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft.

Das wichtigste Element des Projekts ist eine Multimedia-Plattform, die als Werkzeug der sozio-ökologischen Erinnerungsarbeit dient. Der Alltag der Bewohner*innen in ihrer vertrauten Umgebung, ihre Bräuche und Traditionen sowie die Veränderungen der vergangenen Jahre und die damit verbundenen Herausforderungen werden virtuell bewahrt. Das Projekt will erhalten, was unvermeidbar verschwinden wird: In einigen Jahren wird das Gebiet von El Hatillo Teil einer Steinkohlemine sein. Doch mit “Memorias de Tierra” können die Bewohner*innen jederzeit nach El Hatillo zurückkehren.

Mit “Virtual Reality” (VR) unter anderem in Form von 360-Grad-Videos vermittelt die Multimedia-Plattform das Gefühl, man befinde sich im Dorf und kann dort sogar “herumlaufen”. An bestimmten Orten gibt es vertiefende Inhalte, so kann man etwa mit Hilfe von “normalen” Videos und Fotos die Menschen und ihre Geschichten persönlich kennenlernen. In Erklärvideos werden außerdem die Zusammenhänge zwischen Steinkohleabbau und Gesundheitsproblemen, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen aufgezeigt. So soll “Memorias de Tierra” auch dazu dienen, Menschen im globalen Norden für die gravierenden Folgen derartiger Mega-Projekte zu sensibilisieren.

360-Grad-Video: Kinder und Jugendliche aus El Hatillo sprechen über ihre Schule.
Das Video entstand während eines Workshops im Jahr 2017, in dem Kinder und Jugendliche aus El Hatillo über die Orte sprachen, die sie in ihrer Gemeinde am meisten schätzen.

Die Komponenten des Projekts

“Memorias de Tierra” wird als Transmedia-Projekt  verschiedene Komponenten haben, um das Thema erfahrbar und erlebbar zu machen. Das zentrale Element ist eine Multimedia-Plattform mit 360-Grad-Videos, Videoporträts der Menschen, Erklärvideos, Fotos, Infografiken, Dokumenten und Audios.

Darüber hinaus sind folgende (haptische) Komponenten geplant:

-  Eine Ausstellung mit Fotos, Audios und Videos
-  Ein Modell des Dorfes als Denkmal der Erinnerung
-  Ein Fotobuch über die Gemeinde El Hatillo
-  Solidaritätsaktionen in verschiedenen europäischen Ländern

Durch den Einsatz moderner Medien ist die Multimedia-Plattform im Besonderen dazu geeignet, die Generation der “Digital Natives” anzusprechen. Unter dem Stichwort “Bildung für nachhaltige Entwicklung” kann mit allen Elementen fächerübergreifend im Schulunterricht gearbeitet werden - aufgrund der Vielschichtigkeit des Themas auch über einen Zeitraum von mehreren Wochen oder während einer Projektwoche. Da alle Inhalte auf Spanisch und auf Deutsch zur Verfügung stehen, können die Multimedia-Plattform sowie alle anderen Elemente auch im Spanischunterricht genutzt werden.

Fundación Chasquis arbeitet seit 2011 mit der Gemeinde El Hatillo zusammen. Die Idee für das Transmedia-Projekt entstand im Jahr 2013, als sich die Gemeinde in einer humanitären Krise befand und viele Menschen in El Hatillo, besonders Kinder akut unterernährt waren. Fundación Chasquis dokumentierte diese Situation für die nationale und internationale Öffentlichkeit. Ihre Beziehung zur Gemeinde El Hatillo hat sich im folgenden Jahr intensiviert, als sie gemeinsam mit der Gemeinde eine partizipative Kommunikationsstrategie erarbeitet hat, um die Verhandlungen im Umsiedlungsprozess voranzutreiben.


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